WENN BIOGRAFIEN SICH ÄNDERN, BRAUCHT ES IDEOLOGIEFREIE DISKUSSIONEN


Biografien befinden sich im Wandel. Eine Reihe von mehr oder weniger neuen begrifflichen Beschreibungen spiegelt das wider: „Patchwork-Biografien“, „agile Biografien“ oder „Multigrafien“. Das ist eigentlich nichts Neues mehr, und doch scheint dieses Wissen in manchen Politikbereichen noch nicht angekommen zu sein. Hier wird weitgehend noch von der Existenz von Normalbiografien ausgegangen. Gelegentlich versuchen Politiker*innen Konsequenzen aus dem Wandel der Biografien zu ziehen, z.B.:

  • Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck hat vor einiger Zeit ein freiwilliges höheren Rentenalter vorgeschlagen (allerdings weniger wegen der veränderten Biografien als wegen des Fachkräftemangels).

  • Oder die FDP in Deutschland fordert die Einführung von sogenannten Verantwortungsgemeinschaften: Diese können – so der Plan - zwei oder mehrere volljährige Personen, die nicht miteinander verheiratet, verpartnert oder verwandt sind, sich aber nahestehen, unbürokratisch gründen und so im Alter füreinander da sein.

  • Die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen läuft schon länger und reagiert auf die veränderten Berufs- und Arbeitsbiografien.

Diese Vorschläge und Anregungen lösen weltanschauliche Abwehrreflexe aus: Die Gewerkschaften sind gegen die Erhöhung des Rentenalters. Die Kirchen gegen eine Aufweichung des Primats der Familie mittels einer Verantwortungsgemeinschaft („Ehe light“). Und die Liberalen finden, dass Leistung sich lohnen muss, und lehnen das Grundeinkommen ab.

Solche ideologischen Abstoßungsreaktionen werden aber der Lebenslage vieler Menschen in einer nachmodernen Gesellschaft nicht mehr gerecht. Natürlich muss man aufpassen, dass keine gesellschaftlichen Gruppen bei den genannten Plänen benachteiligt werden bzw. die soziale Schere noch weiter auseinandergeht. Aber wünschenswert wäre aus meiner Sicht, dass die gesellschaftlichen Player den Wandel der Biografien ernst nehmen, nach tragfähigen Lösungen suchen und dabei ihre weltanschaulichen Automatismen ablegen können, um die Menschen in den Mittelpunkt rücken.

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