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Wer keine Utopien hat, hat keine Zukunft.

(von Hubert Klingenberger)


„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Dieser Satz wird wahlweise dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt oder dem früheren österreichischen Bundeskanzler Franz Vranitzky zugeschrieben. Egal, wer es gesagt hat, er liegt falsch. Man könnte eher sagen: „Wer keine Visionen hat, wird bald zum (Seelen-) Arzt gehen.“

Der gegenwärtigen Zeit wird vielfach ein Mangel an Visionen oder Utopien diagnostiziert („Nur noch Ebbe“ meint diesbezüglich Arnold Hueber). Wir haben uns mit der Gegenwart arrangiert, kommen kaum hinterher, Krisen zu bearbeiten und bewältigen. Ein Beispiel: Nach den Visionen von einem gemeinsamen Europa z.B. ist Ernüchterung und Krisenmanagement eingetreten. Und Europa macht genau das, was passiert, wenn Visionen und Utopien fehlen: Es zerfällt (wenn nicht gemeinsame Krisenbewältigung es gezwungenermaßen zusammenhält.) Doch das gilt nicht nur für Staatengemeinschaften, sondern auch für Organisationen (z.B. Unternehmen oder Vereine) oder Paare. Auch das Individuum bekommt Probleme, wenn ihm Bilder eines gelungenen Lebens abhanden kommen.


Statt Utopien sind zwei andere Arten von Zukunftsbildern festzustellen: zum einen Retrotopien (Zygmunt Bauman), also Zukunftsbilder, die der Vergangenheit angehören und in die vermeintlich „gute, alte Zeit“ zurückkehren wollen; zum anderen Dystopien, also Weltuntergangsszenarien, die von Pessimismus geprägt sind.


Wo Utopien fehlen und geringgeschätzt werden, da verliert man orientierunggebende Leitbilder, die helfen, Entscheidungen zu treffen und Pläne zu entwickeln. Wo man auf Visionen verzichtet, da lässt man eine wichtige Ressource außer Acht, denn Utopien geben Heimat (so der Philosoph Wilhelm Schmid) und spenden Energie. Die „Kraft der großen Sache“ (Nelson Mandela) geht verloren.


Die Geschichte des 20. Jahrhunderts war auch eine Geschichte menschenverachtender Utopien (im Nationalsozialismus und im real existierenden Sozialismus beispielsweise). Diese Gefahr, eine Vision absolut zu setzen und sie mit Gewalt und Menschenverachtung durchzusetzen, muss immer im Auge behalten werden. Aber ohne Utopien und Visionen werden wir das Leben nur noch verwalten statt gestalten; wir sind dann vor allem reaktiv statt selbstbestimmt.


Was also sind unsere Utopien, die uns leiten und beleben? In der Politik (z.B. ein soziales und ökologisches Europa), in Unternehmen (z.B. der „mündige Unternehmensbürger“ wie der Manager Thomas Sattelberger ihn erträumt), in Non-Profit-Organisationen (z.B. eine Kirche der Armen) und auch in Familien, bei Paaren und für jeden ganz persönlich? Was sind unsere Bilder „gelungenen Lebens“?


„Der Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien“, meinte Oscar Wilde.

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